Ärztekammerpräsident Dr. Michael Sacherer zählt zu den jüngsten Standesvertretern Österreichs und kennt beide Seiten des Systems: die politische Verantwortung ebenso wie den fordernden Alltag im Krankenhaus. Im Gespräch spricht er über Ärztemangel, junge Mediziner, Reformbedarf, Prävention und darüber, warum gute Gesundheitsversorgung nur dann funktioniert, wenn die Menschen im Mittelpunkt stehen, die sie Tag für Tag tragen.
Herr Dr. Sacherer, Sie sind einer der jüngsten Ärztekammerpräsidenten Österreichs und gleichzeitig weiterhin im Krankenhaus tätig. Gab es einen Moment, in dem Sie sich gefragt haben: „Warum tue ich mir das eigentlich an?“ Und würden Sie diesen Weg heute noch einmal gehen?
Natürlich gibt es Momente, in denen man sich diese Frage stellt – vor allem an sehr langen Tagen. Aber ich glaube, wenn man Verantwortung übernimmt, dann weiß man auch, dass es nicht immer bequem ist. Ich würde den Weg wieder gehen, weil ich überzeugt bin, dass man Dinge nur dann sinnvoll mitgestalten kann, wenn man im Job bleibt.
Wie sehr verändert Ihre tägliche Arbeit im Krankenhaus Ihren Blick auf gesundheitspolitische Entscheidungen – und was ist eine unbequeme Wahrheit über unser Gesundheitssystem, die zu selten offen ausgesprochen wird?
Die tägliche Arbeit im Krankenhaus erdet viele Diskussionen. Man sieht sehr schnell, was in der Theorie gut klingt und in der Praxis nicht funktioniert. Eine unbequeme Wahrheit ist vielleicht, dass wir sehr viel über Strukturen reden, aber oft zu wenig darüber, wie belastet die Menschen sind, die dieses System jeden Tag tragen.
Viele junge Ärzte verlassen das System. Was läuft hier grundlegend falsch – und was wird in dieser Debatte oft missverstanden?
Ich glaube, es geht weniger um fehlende Motivation als um die Rahmenbedingungen. Viele junge Kolleginnen und Kollegen wollen sehr wohl im System arbeiten, aber sie wollen auch Planbarkeit, gute Ausbildung und ein Arbeitsumfeld, das langfristig tragfähig ist. Oft wird missverstanden, dass es um Wertschätzung und Perspektiven und nicht nur ums Geld geht.
Was war rückblickend Ihre schwierigste Entscheidung als Arzt – unabhängig von Ihrer Funktion?
Die schwierigsten Entscheidungen sind immer jene, bei denen es keine ideale Lösung gibt. Gerade in der Medizin gibt es Situationen, in denen man zwischen mehreren nicht perfekten Wegen abwägen muss. Das bleibt einem auch dann in Erinnerung, wenn man fachlich weiß, dass man verantwortungsvoll entschieden hat.
Sie sprechen oft von Zusammenarbeit: Wo endet für Sie der Kompromiss – und wo beginnt klare Haltung?
Zusammenarbeit ist wichtig, aber sie darf nicht dazu führen, dass wesentliche Punkte verwässert werden. Beim Kompromiss geht es darum, Lösungen zu finden. Klare Haltung braucht es dort, wo es um Versorgungsqualität, Ausbildung oder faire Arbeitsbedingungen geht.
Wenn Sie eine einzige Sache im Gesundheitssystem sofort ändern könnten: Welche wäre das – und ist das System Ihrer Meinung nach noch reformierbar oder braucht es einen echten Neustart?
Wenn ich eine Sache sofort ändern könnte, dann wäre das eine bessere Patientenlenkung im System. Wir brauchen mehr Orientierung, mehr Hausverstand in den Abläufen und auch mehr Bewusstsein dafür, welche Anlaufstelle für welches Problem die richtige ist. Dazu gehört aus meiner Sicht auch Patientenbildung – also verständlich zu vermitteln, wie unser Gesundheitssystem funktioniert und wo Eigenverantwortung sinnvoll und notwendig ist.
Wie viel Politik verträgt die Medizin – und wie viel medizinische Realität fehlt der Politik?
Medizin und Politik lassen sich nicht trennen, weil Gesundheitsversorgung immer auch organisiert und finanziert werden muss. Gleichzeitig wäre es wichtig, dass politische Entscheidungen noch stärker an der tatsächlichen Versorgungsrealität orientiert werden. Zwischen Papier und Alltag gibt es oft einen recht deutlichen Unterschied. Die Politik trägt mit ihren Entscheidungen aber auch Verantwortung für die Zukunft. Gesundheitspolitische Entscheidungen von heute prägen die Zukunft für morgen.
Wie sieht für Sie ein funktionierendes Gesundheitssystem in zehn Jahren konkret aus – und können wir uns die aktuelle Versorgung langfristig überhaupt noch leisten?
Ein funktionierendes System ist für mich eines, in dem Patientinnen und Patienten rasch die richtige Versorgung bekommen und in dem alle Berufsgruppen gut zusammenarbeiten. Dazu braucht es klare Zuständigkeiten, moderne Prozesse und attraktive Arbeitsbedingungen. Nur wenn Redundanzen vermieden werden und die Versorgung an der richtigen Stelle passiert, werden wir uns die moderne Medizin von morgen leisten können.
Welche Entwicklungen werden das System tatsächlich verändern – etwa neue Arbeitsmodelle oder Digitalisierung – und was wird Ihrer Meinung nach überschätzt?
Neue Arbeitsmodelle werden sicher eine große Rolle spielen, ebenso eine sinnvolle Digitalisierung. Beides kann helfen, Versorgung besser zu organisieren und den Arbeitsalltag zu erleichtern – ganz besonders für Ärztinnen mit Betreuungspflichten. Überschätzt wird manchmal die Vorstellung, dass technische Lösungen allein strukturelle Probleme lösen können. Die direkte Interaktion zwischen Ärztinnen und Ärzten und Patient:innen wird derzeit noch stark geschätzt.
Was macht für Sie gute Führung in einem System, das permanent unter Druck steht – und wie gehen Sie persönlich mit Kritik um?
Gute Führung bedeutet für mich, Orientierung zu geben, ansprechbar zu sein und Entscheidungen nachvollziehbar zu machen. Gerade unter Druck ist Verlässlichkeit wichtig. In der Medizin gibt es immer wieder kritische Situationen, in denen entschlossenes Handeln Leben rettet. Kritik an Entscheidungen gehört dazu – man muss sie ernst nehmen, aber auch einordnen können.
Sie betonen Prävention: Warum handeln wir als Gesellschaft trotzdem oft zu spät – und was tun Sie persönlich für Ihre eigene Gesundheit?
Prävention ist weniger plakativ als akute Behandlung, deshalb bekommt sie im Alltag nicht immer die Aufmerksamkeit, die sie verdient. Viele Dinge wissen wir eigentlich, setzen sie aber zu wenig konsequent um. Ich persönlich versuche, auf Bewegung als Ausgleich und einen gewissen Rhythmus im Alltag zu achten – auch wenn das nicht immer perfekt gelingt.
Was hat Sie in den letzten Jahren persönlich am meisten geprägt – außerhalb der Medizin? Gibt es etwas, das Ihnen im Alltag oft zu kurz kommt – und wann fühlen Sie sich wirklich zufrieden, unabhängig vom beruflichen Erfolg?
Geprägt haben mich vor allem persönliche Begegnungen und die Erfahrung, wie wichtig ein stabiles privates Umfeld ist. Zu kurz kommt im Alltag wahrscheinlich manchmal die echte freie Zeit ohne Taktung. Wirklich zufrieden bin ich dann, wenn Dinge im Kleinen gut gelingen und auch abseits der Arbeit Raum für Familie, Ruhe und Sport bleibt.
Was würde man über Sie nicht erwarten, wenn man Sie nur in Ihrer Funktion kennt – und wann haben Sie zuletzt etwas ganz Neues ausprobiert?
Ich koche leidenschaftlich gerne für Familie und Freunde. Was Neues ausprobiert habe ich auch erst vor kurzem, ich war mit meiner Familie bei einem Töpferkurs.
Sie wollten ursprünglich Koch werden: Wenn Sie heute für Freunde kochen – was kommt auf den Tisch, und ist das für Sie eher Ausgleich oder Perfektion?
Zuletzt habe ich Spargel gekocht. Diese saisonale Spezialität ist vielseitig einsetzbar zB mit Fleisch und Pasta. Es ist für mich ideal, das Schöne mit dem Nützlichen zu verbinden – besonders lustig ist es, mit den Kindern frische Zutaten einkaufen zu gehen.
Wenn Sie morgen einen Tag komplett frei hätten – ohne Verpflichtungen: Wie würde der aussehen?
Wahrscheinlich ziemlich unspektakulär – ausschlafen, in Ruhe frühstücken, Zeit mit der Familie verbringen, Bewegung an der frischen Luft – ich freue mich, bald wieder klettern zu gehen. Gerade weil der Alltag oft dicht ist, weiß man solche freien Tage besonders zu schätzen.
Danke für das Gespräch.
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