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Wenn das Zuhause nicht mehr trägt und ein neuer Halt entsteht


In der SOS-Kinderdorf Wohngruppe in Graz-Straßgang finden jugendliche Mädchen in schwierigen Lebenssituationen Stabilität, Beziehung und die Chance auf einen neuen Anfang.

Ein leises Klopfen an der Tür, nicht von einem Menschen, sondern von einem Hund. Dahinter ein Mädchen, verzweifelt, überfordert, nicht bereit zu sprechen. Doch als sie erkennt, wer vor der Tür steht, öffnet sie. Es ist DINO, der Therapiehund. Er darf hinein, bleibt einfach da. Am nächsten Morgen klopft er wieder. Und diesmal ist alles ein bisschen leichter. Es sind solche Momente, die zeigen, worum es im Mädchenwohnen Straßgang in Graz geht: um Vertrauen, um Beziehung – und um die leise, aber kraftvolle Hoffnung, dass sich selbst schwierige Lebensgeschichten wieder zum Guten wenden können.

Im neu gebauten Haus leben derzeit elf Mädchen. Ein zwölfköpfiges Team stellt hier rund um die Uhr jeweils zu zweit die Betreuung sicher.  Seit März 2026 ist die Wohngruppe wieder hier eingezogen – in ein Umfeld, das bewusst wohnlich gestaltet wurde. Jedes Mädchen hat ein eigenes Zimmer, einen eigenen Schlüssel, Rückzugsmöglichkeiten und Privatsphäre. Für ältere Jugendliche gibt es sogar kleine Garçonnièren als Zwischenschritt in ein eigenständiges Leben. „Eine gute Beziehung ist unser wichtigstes Werkzeug – wir haben ja sonst nichts“, sagt Pädagogischer Leiter Leopold Auer, der seit vielen Jahren im SOS-Kinderdorf tätig ist. Hier begegnet man sich auf Augenhöhe, man ist per Du, hört zu und bleibt verlässlich an der Seite der Mädchen.

Der Weg hierher ist selten freiwillig. Die Jugendlichen kommen über die Kinder- und Jugendhilfe Österreich, wenn das Leben im Elternhaus nicht mehr stabil genug ist oder Krisen eskalieren. Gewalt, Missbrauch, Suchtprobleme oder psychische Erkrankungen in der Familie gehören zu den häufigsten Gründen. Oft sind es aber nicht einzelne Auslöser, sondern ein Zusammenspiel vieler Belastungen, die Familien an ihre Grenzen bringen. „Niemand ist davor gefeit, in eine Krise zu geraten“, betont Auer. Gleichzeitig wird deutlich, dass sich die Problemlagen in den letzten Jahren verschärft haben. Die Fälle sind komplexer geworden, Traumatisierungen reichen oft weit zurück und betreffen nicht selten mehrere Generationen. Psychotherapeutin Elena Schirenc spricht von sogenannten transgenerationalen Traumata, die weitergegeben werden und sich in den Lebensgeschichten der Jugendlichen widerspiegeln.

Die Mädchen sind in der Regel zwischen 10 und 18 Jahre alt, aktuell die jüngsten 15. In manchen Fällen können sie auch länger bleiben, wenn es für ihre Entwicklung notwendig ist. Wie sie diesen Schritt erleben, ist ganz unterschiedlich. Manche kommen ängstlich und verschlossen, andere sind wütend oder bereits sehr reflektiert und wissen genau, was sie verändern wollen. Es gibt Jugendliche, die direkt von zuhause kommen, andere haben bereits mehrere Einrichtungen hinter sich. Was sie verbindet, ist die Hoffnung, dass es besser werden kann – auch wenn diese oft gut versteckt ist.

Der Alltag im Mädchenwohnen ist klar strukturiert, aber flexibel angepasst. Schule, Ausbildung oder Arbeit spielen eine zentrale Rolle. Viele schaffen ihren Schulabschluss hier oder holen Versäumtes nach. Gleichzeitig geht es darum, Schritt für Schritt wieder Vertrauen in sich selbst zu entwickeln. Einmal pro Woche gibt es ein Gruppengespräch, doch auch außerhalb dieser Termine gilt: Die Tür steht immer offen. Halt entsteht durch Verlässlichkeit, durch Ansprechpartner, durch kleine Rituale. Und oft sind es die leisen Veränderungen, die zeigen, dass sich etwas bewegt. Wenn ein Mädchen wieder beginnt, auf sich zu achten, ihr Zimmer ordnet, hinausgeht, Freunde trifft oder offener wird – dann ist das ein Zeichen, dass Stabilität zurückkehrt.

Die Arbeit ist nicht immer einfach. Rückschläge gehören dazu, ebenso wie belastende Situationen, in denen rasch gehandelt werden muss. Das Team arbeitet eng zusammen, reflektiert regelmäßig und holt sich Unterstützung, wenn es notwendig ist. Denn die Herausforderungen sind groß. Auch die digitale Welt spielt dabei eine wichtige Rolle. Soziale Medien beeinflussen den Selbstwert vieler Mädchen, verstärken Ängste und vermitteln oft unrealistische Bilder. Gleichzeitig fehlen echte Begegnungen, was die Entwicklung zusätzlich erschwert. Dennoch wird das Thema differenziert betrachtet. Smartphones sind erlaubt, der Umgang damit wird begleitet und angepasst, wenn Probleme auftreten.

Ein wichtiger Bestandteil der Arbeit ist auch die Einbindung der Familie. So weit es möglich und sinnvoll ist, werden Eltern einbezogen, Kontakte gepflegt und Beziehungen gestärkt. Viele Mädchen besuchen ihre Familien am Wochenende, Versöhnung ist keine Seltenheit. Gleichzeitig lernen sie, ihre sozialen Kontakte zu reflektieren und Entscheidungen bewusster zu treffen. Freundschaften sind wichtig, werden aber auch hinterfragt, wenn sie nicht guttun. Besuch ist im Mädchenwohnen grundsätzlich möglich – das Haus ist kein abgeschotteter Raum, sondern ein Ort mit klaren Regeln und gleichzeitig einem hohen Maß an Vertrauen.

Mit der Zeit geht es immer stärker in Richtung Selbstständigkeit. Der erste Schritt ist oft der Umzug innerhalb des Hauses in eine Garçonnière, später folgt betreutes Wohnen in eigenen Wohnungen. Ziel ist es, die Mädchen auf ein eigenständiges Leben vorzubereiten, ohne sie dabei allein zu lassen. Erfolg zeigt sich dabei auf ganz unterschiedliche Weise. Manchmal in kleinen Fortschritten im Alltag, manchmal Jahre später, wenn ehemalige Bewohnerinnen anrufen, sich bedanken oder sogar mit ihrer eigenen Familie zu Besuch kommen. „Die gute Nachricht ist, dass sich die meisten Fälle positiv entwickeln“, sagt Auer. „Das ist es, was uns trägt.“

Was Jugendliche heute am meisten brauchen, ist für das Team klar: Stabilität, Sicherheit, Orientierung, Zuwendung und das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Genau das versucht das Mädchenwohnen jeden Tag zu geben – still, verlässlich und mit der Überzeugung, dass aus schwierigen Ausgangslagen wieder Zuversicht entstehen kann.

 

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