Peter ist trocken – und im Ressidorf glücklich

Seit 2018 wohnt Peter im Obdachlosenheim Ressidorf der Caritas in der Herrgottwiesgasse in Graz. Als wir ihn kennenlernten, war er schwerer Alkoholiker, der sogar schon an Leberzirrhose erkrankt war. Nach vier Jahren haben wir ihn wieder getroffen – Peter ist trocken und es geht im heute gesundheitlich relativ gut.

Rund 15 Flaschen Wein hat Peter gebraucht – pro Tag. „Vier Flaschen waren allein nötig, damit das Zittern aufhörte. Ich war im Dauerrausch.“ Zum Schluss sei er schon gelb im Gesicht gewesen, erzählt der Ressidorf-Bewohner. Seine Leberwerte seien bei mehr als 5.000 gelegen. Normal sind Werte zwischen 10 und 50. „Außerdem hatte ich von der vielen Flüssigkeit Wasser im Bauch.“

Der Entzug ist ihm mit Hilfe des Teams des Landeskrankenhauses Graz Süd – früher LKH Siegmund Freud – im zweiten Anlauf gelungen. Eine erste Behandlung brach der Alkoholiker ab. „Ich hab wieder gesoffen, bald ging es mir noch viel schlechter. Dann hat mir der Arzt erklärt, es gäbe zwei Möglichkeiten – weitersaufen oder leben.“ Peter begab sich ein zweites Mal zur Entzugsbehandlung, die erfolgreich war. Von 148 auf 80 Kilogramm ist er während seiner Therapie abgemagert. Die Leberwerte sind auf 37 gesunken. „Als ich aus der Klinik kam, habe ich mich als Spargeltarzan gefühlt“, schmunzelt der sympathische Mann. Inzwischen ist das Gewicht wieder auf 100 Kilogramm gestiegen. „Nicht, weil ich wieder trinke, sondern weil ich gerne esse, vor allem Pizza.“

Medikamente muss er täglich schlucken. Unter anderem wegen eines Bandscheibenvorfalls. 250 Euro gibt er im Monat dafür aus, weil die Krankenkasse nicht die vollen Kosten übernimmt. Die Unterkunft im Ressidorf kommt auf weitere 220 Euro Unkostenbeitrag. Sein Einkommen monatlich sind rund 1.300 Euro Rehageld, davon kann Peter „gut leben“.

Im Ressidorf bewohnt Peter ein Wohnmodul in Holzbauweise, es ist rund acht Quadratmeter groß. Die eigenen vier Wände stehen ihm aber erst seit zwei Jahren zur Verfügung, denn vorher hatte er noch einen Mitbewohner. Er fühlt sich überglücklich. Eingerichtet ist die Unterkunft natürlich bescheiden, aber Spielekonsole, Fernseher, Kühlschrank, Mikrowelle und Minibackofen sowie Kaffeemaschine empfindet Peter als puren Luxus und Segen.

Für seine Mitbewohner im Dorf kocht er jeden zweiten Tag. „Am liebsten koche ich meine Lieblingsspeise Wurstgröstl.“ Die Kosten für die Lebensmittel streckt er vor, beim Essen werden für die Gäste meist vier Euro Unkostenbeitrag fällig.

Das Leben als trockener Alkoholiker ist in seinem Umfeld nicht leicht. „Alle Mitbewohner hier sind alkoholsüchtig. Da kommt man nur mit eisernem Willen durch.“ Peters Lieblingsgetränk ist inzwischen der alkoholfreie Gösser Radler. „Ich bleibe bei 0,0 Promille“, lacht der trockene Alkoholiker. Peters größter Wunsch ist es, seinen Sohn wieder zu treffen. Seit zehn Jahren hat er ihn nicht mehr gesehen. Heuer ist das Kind zwölf Jahre alt. „Ich muss noch Auflagen erfüllen, bis ich ihn wieder sehen darf. Leider habe ich in meinem Leben viel Blödsinn gemacht.“ Er spricht damit seine Vorstrafen an, insgesamt drei Jahre ist er im Gefängnis gesessen. „Im Rausch bin ich aggressiv geworden und auf andere Menschen losgegangen, da reichte eine Kleinigkeit”, erinnert er sich.

Selbst ist Peter bei Pflegeeltern aufgewachsen. „Die waren immer lieb zu mir, obwohl ich ein sehr schwieriges Kind war.“ Er pflegt immer noch einen guten Kontakt zu ihnen. Mittlerweile ist der Ressidorf-Bewohner auch seine Schulden los. „Ungefähr 3.000 Euro waren das. Ich habe zwar immer in meinem erlernten Beruf als Bäcker und Konditor gearbeitet, aber das ganze Geld habe ich in Alkohol umgesetzt.“

Zuletzt hat Peter sein Geld nicht mehr in Alkohol, sondern in ein Fahrrad investiert. Das hat er zum Sonderpreis erstanden. „Seitdem bin ich viel unterwegs und fahre durch die Gegend. In einem Monat bin ich bereits 1.000 Kilometer darauf gefahren.“ Ein Nachbar aus dem Dorf begleitet ihn manchmal. „Das ist der Mauki, wir sagen ,Gartenzwerg‘ zu ihm. Er ist Alkoholiker, aber wenn ich ihn zum Radfahren mitnehme, trinkt er vorher absolut nichts. Wir radeln dann nach Kalsdorf-Fernitz und wieder zurück hierher ins Ressidorf. Am Schluss tut ihm zwar der Hintern weh, trotzdem fragt er sofort, ob ich ihn wieder mitnehme.“

Der geheilte Alkoholiker möchte sein Leben „auf die Reihe kriegen“, wie er es ausdrückt. „Momentan bin ich bei 50 Prozent.” Darum will er auch nicht so schnell aus dem Ressidorf ausziehen: „Ich muss erst 100 Prozent erreichen, dann kann ich sagen, ich habe es geschafft.“

Besondere Menschen sind für Peter die Leiter des Ressidorfes, Pierre und Mario Payer. „Sie lassen uns nicht spüren, dass wir anders sind. Sie helfen uns, wo sie können. Sie versuchen immer wieder, auf jeden einzelnen Bewohner einzuwirken, damit dieser das Beste aus sich macht.“

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„Ich bin überzeugt, dass es uns allen besser geht, wenn wir im Sinne unseres Glaubens leben!” Bischof Wilhelm Krautwaschl in einem sehr persönlichen Frühstücksgespräch mit dem Journal Graz.

 

Herr Bischof, wann in Ihrem Leben haben Sie sich dazu entschlossen, Priester zu werden? Gab es einen konkreten Auslöser für den Entschluss?

Das reifte über die Jahre. Ich bin in einer katholischen Familie aufgewachsen, bei uns daheim waren Glaube und Bindung zur Kirche von Bedeutung. Ich war dann Ministrant, stets in der Pfarre aktiv, und das hat auch den Entschluss reifen lassen, Priester zu werden. Dabei wurde ich immer von Priestern meiner Heimat begleitet.

 

Sie gelten allgemein als sehr freundlicher und volksnaher Bischof. Hilft dieses Naturell bei der Amtsführung?

Gegenfrage – können Sie sich einen unfreundlichen Bischof vorstellen? Würde mir nichts an den Menschen liegen, wäre ich wohl fehl am Platz.

 

Können Sie auch einmal böse auf jemand sein?

Ich kann mich schon ärgern. Aber lange böse bin ich - normalerweise - nicht, und nachtragend auch nicht.

 

Was ist schwieriger: Priester in einer Gemeinde oder Bischof zu sein?

Aus meiner Sicht Bischof, denn für eine so große Anzahl von Menschen da zu sein in einer großen Diözese wie der unseren, ist alles andere als einfach. Für Priester ist der Raum vielfach überblickbarer.

 

Sie schreiben auf Ihrer Homepage in der Rubrik „Besondere Sätze“: „Für euch bin ich Bischof, mit euch bin ich Christ.“ Warum ist dieser Spruch für Sie so besonders?

Ich sehe mich nicht als abgesetzt von den Menschen durch mein Amt. Ich bin einer von allen. Ich bin getaufter Christ und daher mit allen Christinnen und Christen unterwegs zum Ziel, das wir Gott nennen. In meinem Amt gilt es aber, dies für die Menschen sichtbar zu machen. Der heilige Augustinus hat geschrieben, dass die wichtigere Berufung im Leben eines Menschen die zum Christsein ist; der Dienst - und das schreckt ihn, wie er schreibt - ist einer für die Menschen.

 

Wie viele Priester gibt es in der Diözese  und wie viele würden gebraucht?

Derzeit sind wir etwa 360 Ordens- und Diözesanpriester – für 380 Pfarren und verschiedene spezielle Seelsorgebereiche. Man sieht, das geht sich nicht aus. Gleichzeitig wird die Zahl der Katholiken kleiner. Deshalb setzen wir auf noch überschaubare Seelsorgeräume, auf größere Einheiten mit mehreren Priestern, die mehrere Pfarren mit unterschiedlichen Verantwortungen gemeinsam begleiten, sodass es überall lebendige Gemeinden geben kann. Immer wieder kommen ausländische Priester zu uns und arbeiten bei uns mit.

 

Was kann die katholische Kirche gegen den Priestermangel tun?

Das mit dem Mangel ist so eine Sache: Der Begriff „Mangel” ist eine Bezugsgröße - es „mangelt”, weil man eine gewisse Größe im Hinterkopf hat, gegenüber der die vorgefundene Situation als Mangel empfunden wird. Weltweit gesehen nehmen Priesterberufungen zu, wenn ich nach Afrika schaue oder Lateinamerika. Da gibt es - wenn bloß die Zahlen betrachtet werden - noch weit größeren „Mangel”, der dort aber gar nicht so sehr als Mangel empfunden wird. Wie das bei uns weitergeht mit der schnell abnehmenden Zahl an Priestern, weiß ich nicht. Wenn der Glaube an sich für weniger Menschen wichtig ist, dann ist naheliegend, dass auch das Priestersein an Attraktivität verliert und auch weniger Menschen diesen Dienst ausüben. Was das allerdings auch an Verlust mitbringt, spüren derzeit so manche. Wir bemühen uns sehr, zum Gelingen der Gesellschaft beizutragen, auf verschiedensten Ebenen, im gemeinsamen Feiern, in der Caritas. Im Gebet und in Taten unterstützen wir Notleidende - auch jetzt in den vielfältigen Herausforderungen unserer Tage. Da ist viel positive Energie, und als Priester kann man in den Gemeinden viel Gutes bewirken. Priester zu sein, ist aus meiner Sicht ein schöner und wichtiger Beruf.

 

Fast 12.000 Katholiken sind in der Steiermark im vergangenen Jahr aus der Katholischen Kirche ausgetreten. Worauf führen Sie das zurück?

Große Institutionen verlieren weltweit an Vertrauen, Glaubwürdigkeit und Relevanz. Gleichzeitig fallen die Menschen zurück auf sich selbst. Oft zählt nur das eigene Befinden. Das Abwägen des Guten und weniger Guten geht verloren, und damit auch die Schattierungen des Lebens - es gibt eben nicht nur „entweder - oder”, nicht nur „schwarz - weiß”. Wir haben einen massiven Austrittsanstieg während der Corona-Zeit erlebt, weil wir Bischöfe eine alte moralische Güterabwägung in Erinnerung gerufen haben, dass nämlich in Krisenzeiten da und dort das Gemeinwohl über das Wohl der einzelnen gestellt werden kann, um daraus eine gereifte persönliche Entscheidung herauszufordern, was aber scheinbar als Verpflichtung, sich impfen zu lassen, verstanden wurde. Die Menschen treten aus der Kirche aus, sie kündigen Zeitungsabos, verlassen Vereine und Parteien. Da bricht in der Gesellschaft viel aus- einander, und ich sehe das mit Sorge.

 

Was sagen sie einem Menschen, der aus der Kirche austreten will?

Uns tut es um jede und jeden leid, die oder der unsere Gemeinschaft verlässt. Ich bin überzeugt, dass es uns allen besser geht, wenn wir im Sinne unseres Glaubens leben. Denn nur im Miteinander können wir vieles in unserer Welt voranbringen. Mit unserem Glauben ist eine gewaltige Hoffnung verbunden. Damit unser Glaubensleben funktionieren kann, brauchen wir die Kirche. Dazu kommt der soziale und kulturelle Wert der Kirche. Viele Ausgetretene sagen, sie glauben an Gott ohne die Kirche. Aber Glauben ist zwar persönlich, aber nicht bloß privat.

 

Wie kann die Katholische Kirche junge Menschen von sich überzeugen?

Wir wollen vor allem davon überzeugen, wie wertvoll gemeinschaftlich gelebter Glauben ist und die Leistungen der Kirche sind. Das ist schwierig. Denn Gott „schreit” nicht und ist daher im vieler alltäglicher Ablenkungen nicht leicht zu hören. Wir bemühen uns um spirituelle Angebote für junge Menschen. Wir machen z.B. Seelsorge auf großen Festivals, was gut ankommt. Und: Mit dem Religionsunterricht sind wir wöchentlich einige Stunden mit fast allen jungen Katholiken in Österreich zusammen. Aber eine universelle Lösung haben wir noch nicht gefunden.

 

Sie werden nächstes Jahr 60. Für einen Bischof ist das noch kein Zeitpunkt, langsam an die Pension zu denken. Wird der Geburtstag trotzdem eine Art Meilenstein für Sie sein?

Aktiver Bischof ist man üblicherweise bis 75, dann reicht man den Rücktritt vom aktiven Dienst ein. Ein runder Geburtstag ist etwas Schönes, man hat ein weiteres Jahrzehnt hoffentlich gut vollendet. Aber einen Meilenstein sehe ich nicht. Es ist noch viel zu tun.

 

Ist der Advent und Heiligen Abend nach wie vor für die Menschen noch eine besondere Zeit, in die Kirche zu gehen?

Tatsächlich gibt es in diesen Wochen Feiern, zu denen nach wie vor viele Menschen kommen. Dazu gehören auch adventliche Feiern wie die Segnung der Kränze, die Roraten, die Feiern am 24. Dezember, der Jahresschluss, Nikolausfeiern, das Sternsingen und vieles andere mehr. Das stimmt uns auch zuversichtlich für die Zukunft.                                                         Foto: Christian Jungwirth

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„Die Aufgaben als Landeshauptmann haben meinen Alltag verändert“

Landeshauptmann Drexler

Anfang Juli hat Christopher Drexler die Funktion des steirischen Landeshauptmannes von Hermann Schützenhöfer übernommen. Den Wechsel vom Grazer Landhaus in die Burg hat er gewohnt routiniert vollzogen. Seinen Alltag hat der Sprung an die Spitze des Bundeslandes verändert.

„Obwohl Hermann Schützenhöfer und ich den Wechsel gut vorbereitet haben, betrete ich nach wie vor jeden Tag Neuland, erlebe Neues und lerne dazu“, erzählt Drexler. Eine Routine, bei der man sage, „das habe ich alles schon erlebt“, sei noch nicht eingetreten. Trotz aller Herausforderungen, die die schwierigen Zeiten mit sich brächten, bereite ihm das Amt als Landeshauptmann der Steiermark auf jeden Fall viel Freude.

Er sei, so Christopher Drexler, seit dem   4. Juli – dem Tag seiner Amtsübernahme – „noch viel mehr im ganzen Land unterwegs gewesen als bisher, und ich bin extrem dankbar für viele Gespräche, viel Zuspruch und manchen Hinweis.“ Angesprochen wird der Landeshauptmann oft: „Über die Jahre als Klubobmann im Landtag und als Landesrat habe ich für den Weg vom Landhaus zur Burg immer fünf Minuten gebraucht. Jetzt ist es mindestens eine halbe Stunde – aber nicht, weil ich plötzlich langsamer gehe, sondern weil mir unterwegs viele Menschen begegnen, die mir ihre Sorgen und Anliegen mitteilen.“

Der Alltag Drexlers hat sich geändert. „Der Unterschied zwischen Landeshauptmann und normalen Regierungsmitglied im persönlichen Erleben ist viel größer, als ich je erwartet habe.“ Man sei in einem ganz anderen Maß exponiert. „Egal, wo ich in der Steiermark unterwegs bin oder ob ich an einem meiner seltenen freien Sonntage mit meiner Frau auf die Rote Wand wandere, eigentlich ist jeder Ausflug eine Veranstaltung. Das bereitet mir auch viel Freude, denn es kommt immer zu wertvollen Begegnungen und Gesprächen.“

Die geordnete Übergabe des Amtes ist für den neuen LH eindeutig ein Startvorteil. „Ein so gut geplanter Übergang ist nur möglich, wenn man wie Hermann Schützenhöfer und ich ein 30 Jahre lang geschmiedetes freundschaftliches Verhältnis hat.“ Der 3. Juni – der Tag, an dem die Nachfolge offiziell bekannt gegeben wurde – sei ein extrem bewegender Tag für ihn gewesen, erinnert sich der neue Landeshauptmann. „Das gilt auch für den    4. Juli, den Tag der Amtsübergabe und den Abschluss bildet in dieser Hinsicht der Landesparteitag, weil das der letzte Schritt in diesem Dreiklang war.“

Am bewährten steirischen Weg der Zusammenarbeit wird Christopher Drexler nichts ändern. Er wolle diesen erhalten und noch ausbauen. „Es ist eine glückliche Fügung, dass mein Koalitionspartner Anton Lang und ich seit Jahren intensiv und gut miteinander arbeiten. Wir haben das Budget gemeinsam gemacht, wir haben die Regierungskoordination gemanagt. So etwas wie Vertrauen kann man nicht verordnen. In ein Regierungsübereinkommen kann man nicht hineinschreiben: Vertragt euch, habt euch gern. Zwischen Lang und mir herrscht das notwendige Vertrauen.“

Es sei ihm ein Anliegen, so der Landeshauptmann, auch mit den anderen im Landtag vertretenen Parteien einen guten Austausch zu pflegen. „Im Sommer war das logischerweise nicht so stark der Fall, aber ich möchte das jetzt intensivieren.“ Für ihn erstrecke sich das steirische Klima der Zusammenarbeit nicht nur auf die beiden Regierungspartner, sondern auch auf einen guten und qualitätsvollen Umgang mit den Oppositionsparteien. „Und weit darüber hinaus und in ganz besonderem Maß gilt das für die gesamte Zivilgesellschaft.“

Langzeitpolitiker Drexler, der vor mehr als 30 Jahren Obmann der Jungen ÖVP wurde und seit 22 Jahren dem Landtag beziehungsweise der Landesregierung angehört, war nicht immer auf Parteilinie. So forderte er Tempo 160 auf Autobahnen, trat für die eingetragene Partnerschaft gleichgeschlechtlicher Paare ein oder wollte eine Abschaffung der Neutralität. „Das mit dem Tempolimit habe ich eingestellt, 130 km/h passen schon“, schmunzelt der Landeshauptmann. Für homosexuelle Paare sei mittlerweile sogar die Ehe möglich. „Bei der Neutralität hat sich meine Position geändert, auch weil die Neutralität selbst sich durch den EU-Beitritt verändert hat. Heute würde ich am Neutralitätsgesetz nicht mehr herum- basteln wollen, aber eines muss schon klar sein: Man darf militärische Neutralität nicht mit inhaltlicher Teilnahmslosigkeit verwechseln. Wenn jetzt manche kommen und erklären, als neutraler Staat dürfen wir uns zu Wladimir Putin nicht äußern, dann halte ich das für eine echte Scharlatanerie.“

Kunst ist Christopher Drexler wichtig. Darum habe er ganz bewusst die Kulturagenden, die er als Landesrat über hatte, mit in das Büro des Landeshauptmannes genommen. „Wir haben in den vergangenen Jahren wieder an die Tradition der Steiermark als bemerkenswertes österreichisches Kulturland anknüpfen können“, ist Drexler stolz. Die Steiermark-Schau, deren zweite Auflage nächstes Jahr stattfindet, sei zum Beispiel ein tolles Projekt. „Kulturpolitik wird immer ein wichtiger Bereich für mich bleiben. Aber natürlich steht jetzt die Hauptverantwortung für das Land im Mittelpunkt, wo die Kultur nur ein Teil davon ist.“

Als Intellektuellen möchte sich Drexler nicht verstanden wissen. „Ich würde mich selbst nie als einen solchen bezeichnen. Mein Anspruch an einen Intellektuellen ist doch um einiges höher.“ Auftritte in Tracht seien nicht der Versuch, sich ein volksnahes Image zu geben. „Meine Liebe zur Tracht hat sich schon vor vielen Jahren entwickelt, inzwischen bin ich ein Fan des Steirischen Heimatwerkes. Man muss deshalb nicht jeden Tag im Steirerrock unterwegs sein. Tracht ist ein wunderbares Zeugnis unserer Tradition und Kultur. Deshalb muss man auch alles unternehmen, um zu verhindern, dass die Tracht in ein falsches Eck gerückt wird oder gar von den falschen Kräften vereinnahmt wird.                                    

Mit seiner Frau Iris, die er im Vorjahr geheiratet hat, ist der Landeshauptmann ins ländlich geprägte Passail gezogen. „Dort kann ich manches aus meinem politischen Alltag hinter mir lassen und mich drauf freuen, noch kurz auf meiner Terrasse zu sitzen. Es hat auch meine Perspektive verändert, weil ich im Winter mit meinen Buben in 15 Minuten beim Schilift sein, im Sommer aber auch Wandern kann. Und dann darf ich in Passail eine wundervolle und tolle Gemeinde und Gemeinschaft erleben.“

An Herausforderungen mangelt es derzeit nicht. Besondere Zeiten würden besondere Maßnahmen erfordern, ist Drexler überzeugt. „Das war in der Pandemie so. Das ist jetzt in Zeiten des Krieges in der Ukraine und der massiven Teuerung auch so. Das Land kann hier nur ergänzend eingreifen.“ Der Bund setze viele Maßnahmen, die auch als Gießkanne kritisiert würden. „Ich glaube aber, dass sie notwendig sind. Wir als Land haben zum Beispiel mit der Verdoppelung des Heizkostenzuschusses für sozial benachteiligte Menschen reagiert.“

Er sei überzeugt, dass Österreich auch die aktuelle Krise bewältigen werde, zeigt sich der Landeshauptmann zuversichtlich. „So war es im Grunde auch mit Corona. Im März und April 2020 waren wir sozusagen völlig nackert. Es gab keine Impfung, kein Medikament, wir wussten nicht einmal, dass Masken eine wirksame Schutzmaßnahme sind, heute haben wir immer noch hohe Infektionszahlen – aber das Gesundheitssystem ist nicht überlastet.“ Er hoffe, dass man in ein oder zwei Jahren darüber reden werde können, die Inflation und die Energiekrise in den Griff bekommen zu haben.

Für die Sicherung der Energieversorgung hat die Landesregierung ein großes Ausbauprogramm für Windkraft und Solar angekündigt. „Wir sind unter den alpin dominierten Bundesländern mit weitem Abstand die mit den meisten Windrädern. 104 sind es im Moment. Ein weiterer Ausbau wird funktionieren. Das gilt auch für die Photovoltaik. Ich bekenne mich ganz extrem zum weiteren Ausbau der Wasserkraft. Dort liegt nach wie vor unser größtes Potenzial. Wir müssen die Möglichkeiten entlang der Mur ebenso ausloten wie an anderen Standorten.“

Freizeit hat Christopher Drexler naturgemäß nur mehr sehr wenig. „Was das Laufen und das Wandern angeht, gehört 2022 sicher nicht zu meinen Spitzenjahren. Der Vorsatz bleibt jedoch.“ Weihnachten will der Landeshauptmann mit seiner Familie verbringen. „Die Verantwortung macht keine Pause, aber ich werde das Fest mit Sicherheit entspannt feiern.“

Drexler arbeitet auch, wenn er im Auto unterwegs ist. „Ich habe seit vielen Jahren das Glück, einen Fahrer zu haben. Das darf man sich nicht nur als Privileg vorstellen, das ist vor allem die Gelegenheit, das Fahrzeug als ganz normalen Arbeitsplatz zu nutzen.“ Mehr als 100.000 Kilometer legt man als Landeshauptmann im Jahr zurück.

Auf die Frage nach seinem schönsten Erlebnis zögert der Landeshauptmann keine Sekunde mit der Antwort: „Ich hatte vier wunderschöne Erlebnisse. Das war, vier gesunde Kinder zu bekommen.“ Wenn er einen Wunsch frei hätte, wäre das, „dass der unerträgliche Krieg in Europa endet“.

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„Die Polizeiinspektionen in den Gemeinden sind das Herzstück unserer Sicherheit“

Mit 4,7 Milliarden Euro steht dem Innenministerium ein Rekordbudget im nächsten Jahr zur Verfügung. 700 Millionen Euro mehr als heuer wurden beschlossen. Innenminister Gerhard Karner will damit vor allem gegen Schlepperei und illegale Einwanderung sowie gegen jede Form von Extremismus und Terrorismus vorgehen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Bekämpfung der Computerkriminalität.

Bei der Cyberkriminalität hat es im Vorjahr laut Kriminalstatistik eine Steigerung um fast 30 Prozent gegeben, 46.000 Fälle wurden zur Anzeige gebracht - für den Innenminister ein untragbarer Zustand. Daher wird das Cybercrime-Competence-Center im Bundeskriminalamt in den kommenden drei Jahren von derzeit 70 auf 120 Experten aufgestockt. Bis Jahresende wird ein neues EDV-System für kriminalpolizeiliche Ermittlungen einen verbesserten Datenaustausch gewährleisten.

„Es gibt immer öfter Betrug im Internet, und die Dunkelziffer dürfte noch höher sein. Viele Menschen scheuen sich davor, eine Anzeige zu erstatten, wenn sie Opfer von Internet-Betrügern geworden sind“, befürchtet Karner. „Auf diesem Gebiet müssen die Menschen vorsichtiger werden!“

Gegen terroristische und extremistische Auswüchse werden Sondereinheiten wie die Cobra mit hochkarätigen Sonderfahrzeugen ausgestattet. Der Fuhrpark wird um ein Multifunktionsfahrzeug mit Sprengunterdrückungssystem zum Transport von Explosivstoffen und Kriegsmaterial, zwei sondergeschützte Mannschaftstransporter sowie einen sondergeschützten Transporter zur Verletztenbergung und Erstversorgung erweitert. Dazu kommen spezielle Helme samt Schutzausrüstung sowie eine neue Spezialausrüstung gegen chemische, biologische und radioaktive Gefahren.

„Wir haben ein Sammelsurium von Rechtsextremisten, die sich mit Coronaleugnern und Putin-Verstehern verbündet haben. Es ist eine kleine Gruppe, die aber unter sehr genauer Beobachtung des Staatsschutzes steht“, versichert der Innenminister.

Dritter Schwerpunkt bei der Sicherheit ist für Karner die Bekämpfung der Schlepperbanden. Dafür werde der Grenzschutz in Serbien und Ungarn aufgestockt, mit Drohnen will Österreich außerdem dazu beitragen, die serbisch-nordmazedonische Grenze zu sichern. Abschiebungen von illegalen Migranten sollen bereits in den Staaten des Westbalkans forciert werden. Um die Schlepper-Mafia in die Schranken zu weisen, werden auch neue Gerätschaften - 48 weitere Drohnen, Wärmebildbusse und acht Herzschlagdetektoren - und moderne Übertragungstechnik angeschafft.

Vor einem Jahr war Gerhard Karner noch 2. Landtagspräsident in Niederösterreich und Bürgermeister der kleinen Gemeinde Texingtal. Innenminister zu werden, damit hatte er damals nicht gerechnet. „Als mich Bundeskanzler Karl Nehammer gefragt hat, hatte ich vier Stunden Zeit, um mich zu entscheiden. Natürlich habe ich intensiv darüber nachgedacht und mich mit meiner Frau beraten. Nach eineinhalb Stunden habe ich dem Bundeskanzler zugesagt.“

Die Entscheidung, so Karner, sei absolut richtig gewesen. „Innenminister zu sein, ist eine sehr herausfordernde, aber auch spannende und schöne Aufgabe. Man ist für 38.000 Mitarbeiter, davon 32.000 Polizisten, verantwortlich. Diese Frauen und Männer auf den Polizeiinspektionen sind das Herzstück unserer Sicherheit. Ich habe in dem Jahr seit meiner Amtseinführung gesehen, dass unsere Exekutive exzellent aufgestellt ist, gut aus- und weitergebildet, dass sie sensibel und vernünftig ist im Umgang mit den Menschen, aber auch konsequent, wenn es notwendig ist.“ Die Polizeibeamten werden verbesserte Körperschutzausrüstungen erhalten, die Modernisierung der Dienststellen soll forciert werden, kündigt Karner an.

Ein „glattes Wiener Parkett“ hat der Innenminister nicht festgestellt. „Entscheidend ist, dass man versucht, mit Hausverstand, Konsequenz und Fleiß die Dinge anzupacken. Wenn man aufs Eis tanzten geht, ist das Parkett überall glatt, in Bregenz genauso wie in Eisenstadt oder eben in Wien.“

Bei der zuletzt viel kritisierten Unterbringung von Asylwerbern in Zelten spricht Karner erst einmal ein Lob aus. Gemeinden, Hilfsorganisationen und Länder hätten in diesem Jahr Unglaubliches geleistet. Rund 90.000 Menschen seien in der Grundversorgung, allein 56.000 davon seien Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine, vor allem Frauen und Kinder.

„Auf der anderen Seite müssen wir sehen, dass sich heuer viele Menschen auf den Weg gemacht haben, die ihre Heimat aus wirtschaftlichen Gründen verließen und die keine Chance auf Asyl haben. Sie begeben sich häufig in die Hände von Schlepperbanden, diese müssen wir konsequent bekämpfen.“

Die Zelte würden für solche Wirtschaftsflüchtlinge genützt. „Auch um ihnen klar zu machen, dass sie in ihre Heimatländer zurückkehren müssen“, betont der Innenminister. „Natürlich ist das keine Dauerlösung, aber wir wollen damit verhindern, dass diese jungen Männer – und darum handelt es sich in der Hauptsache – selbstständig irgendwo eine Unterkunft suchen und sich dann auf unseren Bahnhöfen, Hauptplätzen oder vor Schulen und Kindergärten aufhalten. Das ist das Ziel.“

Kritik am Innenminister sei nichts Ungewöhnliches, sagt Karner. „In dieser Funktion darf man nicht weichgespült sein. „Ich bin seit 1995 in der Politik. Da lernt man, auszuteilen, aber man muss auch einstecken können. Kritik halte ich aus, ich kann es nur nicht ausstehen, wenn mit Unwahrheiten gearbeitet wird oder Angriffe ins Persönliche gehen.“

Ein eigenes Thema ist die zunehmende Zahl der Demonstrationen. Karner bekennt sich „zum hohen Gut der Versammlungs- und Demonstrationsfreiheit“. Aufgabe der Polizei sei es unter anderem, diese Rechte zu schützen. „Gleichzeitig muss man aber dafür sorgen, dass die Wirtschaft arbeiten kann, sich die Menschen frei bewegen können. Das sensibel auszutarieren, ist keine leichte Aufgabe. Wenn man sich anschaut, welche Eskalationen es in anderen Ländern gibt, wo ganze Straßenzüge gebrannt haben, dann kann man von einer sensiblen und vernünftigen Herangehensweise in Österreich sprechen.“

Mit seiner Frau ist der Innenminister im nächsten Jahr 20 Jahre verheiratet. Die beiden besuchen manchmal auch gerne Graz. „Zuletzt waren wir dort beim Musikfestival Metal on the Hill. Ich höre generell gerne sehr harte und laute Musik“, schmunzelt Karner. Grundsätzlich versuche er, seine Familie aus seinem politischen Leben herauszuhalten.

Sportlich hat sich der Politiker vom begeisterten Fußballer zum ebenso begeisterten Fußballfan gewandelt. „Ich bin leidender Rapid-Fan“, bekennt er. Auch auf mittelhohen Bergen ist Karner als Wanderer unterwegs, „vor gar nicht langer Zeit auf der Teichalm“.                  Foto: BMI Karl Schober

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Priester zwischen Seelsorge und Seitenblicken

Dompfarrer Toni Faber

„Toni“ Faber ist seit einem Vierteljahrhundert Dompfarrer im Wiener Stephansdom. Er ist zwar in allen Medien präsent, sieht sich aber als ganz normalen Seelsorger. Der Dom ist für Faber aber auch ein mittelständisches Unternehmen, das er mit führt.

Rund 80 Mitarbeiter sind im Wiener Stephansdom tätig. Allein 30 werken in der Dombauhütte, die sich seit Jahrhunderten um die Erhaltung der gotischen Kathedrale kümmert. Weitere 40 Menschen arbeiten im Betriebsdienst, andere im Büro und den Spendenvereinen für den Stephansdom. „Ich bin ein Teil dieses Unternehmens, nicht der Chef, aber im Vorstand“, erklärt der Dompfarrer.

Neben seiner seelsorgerlichen Tätigkeit ist Toni Faber „in den vergangenen 25 Jahren immer mehr PR-Aufgaben nachgekommen“, wie er selber sagt. „Ich schreibe jede Woche eine Kolumne in einer Tageszeitung, die 300.000 Leser erreicht“, ist der Dompfarrer stolz. „Allein in dieser Woche habe ich zusätzlich einige Termine bei Veranstaltungen und mit Politikern, mein Leben ist wahnsinnig ausgefüllt, ich habe eine 80- bis 100-Stunden-Woche. Ich befinde mich mitten im reißenden Strom des Lebens und werde nicht nur mitgetrieben, sondern kann mit Schwerpunkte setzen.“

Kunst und Kultur liegen Faber besonders am Herzen. Mit vielen prominenten Künstlern wie Erwin Wurm oder Gottfried Helnwein hat er gemeinsame Projekte in Sankt Stephan umgesetzt.

Die Religion wurde Toni Faber nicht in die Wiege gelegt. „Ich stamme aus einer sehr einfachen Familie”, schildert er seine Herkunft. „Mein Papa war weder besonders katholisch, noch an Kunst interessiert.“ Er sei in die Religion eher hineingeschlittert, erinnert sich der Dompfarrer. Als Schüler sei die Pfarre seine zweite Heimat geworden. „An der Schule war ich erst Klassen-, dann Schulsprecher. Und in der Pfarre Jugend- und Jungscharverantwortlicher. Ich war ein Gschaftlhuber, gar nicht auf religiöser Basis, aber als Aktivist.“

Mit 17 Jahren änderte sich Toni Fabers Leben schlagartig. „Ich bekam von meiner Ärztin die Diagnose, dass mir ein Nierenversagen droht. Wenn ich Pech habe, meinte meine Ärztin, blieben mir noch zwei oder drei Jahre.“ Er habe nachgedacht und sei zu dem Schluss gekommen, wenn Gott ihm das Leben geschenkt habe, müsse er sich selbst fragen, was er für Gott tun könne.

Faber trat ins Priesterseminar ein. „Einsiedler wäre nichts für mich gewesen“, lacht er, „ich stand und stehe mitten im Leben.“ Das Seminar habe für ihn nichts bedeutet, „plötzlich vor der Hälfte der Weltbevölkerung Angst haben zu müssen, dass sie mich verführen könnte“, schmunzelt der Dompfarrer. „Man muss sich nur darüber klar werden, wie es sein wird, als Priester unverheiratet innerhalb der Kirche aktiv zu sein und einen Platz zu finden.“ Der Zölibat, so der Priester, werde ohnehin völlig überschätzt: „Wer denkt mit 18 schon ans Heiraten, da denkt man daran, eine Freundin zu haben und du schaut, ob es mit jemandem passt. Sicher habe ich mich dafür entschieden, auf eine eigene Ehe und eine eigene Familie zu verzichten. Inzwischen bin ich eh 60 Jahre alt, da sind eigene Kinder nicht mehr das Thema.“

Der Platz als Dompfarrer „mit seiner Vielzahl an Seelsorge, Management und PR“ sei offenbar für ihn bestimmt gewesen, und das macht Toni Faber glücklich. „Dass ich noch dazu ein ganz normaler Mensch im Herzen der Stadt sein kann, hätte ich nie für möglich gehalten.“ Die Seitenblicke-Gesellschaft, in der sich der Dompfarrer gerne bewegt, sei wie ein Dorf: „Jeder kennt jeden und man zieht gemeinsam von Hütte zu Hütte. Ich bin halt der Dorfpfarrer.“

Corona hat auch die Situation im Stephansdom beeinflusst. „Früher hatte ich bei der Abendmesse am Sonntag ungefähr 700 Besucher. Jetzt sind es weniger geworden.“ Am Glauben liege es aber nicht, ist Toni Faber überzeugt. „Ich habe in der Pfarre rund 100 Wiedereintritte im Jahr, mehr, als in meinem Zuständigkeitsbereich aus der Kirche austreten.“

Auch wenn Toni Faber privat unterwegs ist, trägt er zumindest das Kollar, den Priesterkragen. „Sonst glauben die Menschen nur, ich möchte mich verstecken. Ich bin halt bekannt wie ein bunter Hund. Es ist schon vorgekommen, dass ich in einem Lokal aufs WC gehe und mich ein leicht illuminierter Gast anspricht, ob ich echt bin. Dann wollte er bei mir unbedingt sofort die Beichte ablegen: Ich habe geantwortet: Sehr gerne, aber erst muss ich aufs Klo“, lacht der Pfarrer.

Das schönste und berührendste Erlebnis in seiner Tätigkeit als Priester hat Faber vor 30 Jahren gehabt. „Eine Dame kam damals zur Beichte, die sichtbar im horizontalen Gewerbe arbeitete. Sie erzählte mir, dass sie in ihrer Jugend von ihrem Vater missbraucht wurde, drogenabhängig sei und sich überlege, ob sie sich das Leben nehmen oder weiter ins Bordell arbeiten gehen solle.“ Er habe sich in diesem Moment völlig überfordert gefühlt, gesteht der Priester ein. „Da habe ich den lieben Gott gebeten, mir irgendetwas einzugeben, was ich der Dame sagen könnte. Dann sagte ich zu ihr, darf ich für Sie beten und Ihnen die Hände auflegen?“ Das habe er dann getan, und die Prostituierte habe ihm geantwortet: „So hat mich noch nie ein Mann berührt!“ Spontan umarmte sie Faber und verschwand in der Nacht. „Damals habe ich gespürt, allein für diese Begegnung hat es sich ausgezahlt, Priester zu werden.“

Im März ist Toni Faber 60 Jahre alt geworden. Er hat vor, bis 75 zu arbeiten, „aber nicht unbedingt in der gleichen Geschwindigkeit wie heute“. Derzeit hat der Dompfarrer nur am Montag frei. „Wenn da ab und zu auch ein Dienstag dazu käme, wäre das eine schöne Sache. Ich arbeite ja gerne, aber es tut einem halt gut, wenn man einmal spazieren gehen kann.“

Faber ist, wie er zugibt, ein Genussmensch. Seine Lieblingsweine kommen aus der Steiermark: der Gelbe Muskateller und der Sauvignon Blanc von Sabathi. Beim Essen hat er keine besonderen Vorlieben. „Kochen kann ich nicht, und ich lebe nach dem Motto: Friss die Hälfte. Würde ich alles essen, was mir angeboten wird, wäre ich kugelrund. Außerdem muss ich wegen meiner Nieren und meiner Bauchspeicheldrüse sowieso aufpassen. Aber das ist nur ein kleiner Verzicht.“

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„Österreich soll gestärkt aus der Krise kommen“

Herr Minister Brunner, vergangenen Dezember wurden Sie überraschend Finanzminister. Damals sagten Sie: „Der spannendste Job, den man in der Politik haben kann, ist Finanzminister”. Sehen Sie das heute auch noch so?

Auf jeden Fall. Es ist der spannendste und einer der herausforderndsten Jobs, den man in der Politik haben kann – gerade jetzt umso mehr aufgrund der Krisen. Die Aufgaben, die wir zu bewältigen haben, sind historisch. Viele können das Wort Krise nicht mehr hören. Das kann ich persönlich sehr gut nachvollziehen. Die Krise ist ein scheinbar ständiger Begleiter unseres Alltags geworden. Und man kann auch nicht versprechen, dass wir 2023 keine Krisensituation mehr haben werden. Wir müssen bestmöglich vorsorgen, falls der Staat wieder helfen muss, und gleichzeitig investieren wir in die Themen der Zukunft.

Welche Themen der Zukunft sind das?

Etwa das Thema Energieunabhängigkeit, Versorgungsicherheit und digitale und ökologische Transformation. Wir alle und vor allem die Haushalte und Betriebe in Österreich spüren die Auswirkungen der russischen Aggression in der Ukraine vor allem im Energiebereich. Deshalb sage ich immer: Wir dürfen nicht zulassen, dass die Willkür eines Mannes entscheidet, ob unsere Heizungen in Österreich kalt oder warm sind. Daher reduzieren wir in Österreich und Europa unsere Abhängigkeit von Russland im Energiebereich.

Aber der Krieg gefährdet vor allem auch die Sicherheit. Das Bundesheer bekommt auch mehr Geld?

Ja, natürlich. Der Angriff Russlands auf die Ukraine hat die Sicherheitslage in Europa schlagartig geändert. Um die Neutralität Österreichs zu schützen, investieren wir bis 2026 zusätzlich 5,3 Milliarden Euro in das österreichische Bundesheer. Gleichzeitig investieren wir in die Infrastruktur, um etwa im Falle eines Blackouts bestmöglich gerüstet zu sein. Und wir stärken den Schutz im Cyber-Raum sowie die elektronische Kampfführung.

Die Teuerung belastet die Menschen in Österreich sehr, viele haben Angst vor dem Winter und den Heizkosten. Was tut die Regierung, um den Menschen hier zu helfen?

Die Menschen haben angesichts der hohen Inflation große Sorgen. Mit den Maßnahmen der Regierung helfen wir den Österreicherinnen und Österreichern, gut durch den Herbst und Winter zu kommen. Allein heuer haben wir für die Menschen Entlastungsmaßnahmen in Höhe von 6,3 Milliarden Euro umgesetzt, und in den nächsten Jahren bis 2026 werden wir mehr als 30 Milliarden zur Entlastung ausgeben. Wir haben zu Jahresbeginn zwei Pakete mit einem Gesamtvolumen in Höhe von 4,4 Milliarden Euro geschnürt, darunter etwa Sofortzahlungen für besonders betroffene Gruppen. Das dritte Antiteuerungs-Paket bringt in Summe 28,7 Milliarden Euro an finanzieller Entlastung.

Das ist viel Geld. Kommt es auch bei denen an, dies es dringend brauchen?

Ja, das kommt auch an. Noch im Sommer haben wir jene neuerlich mit 300 Euro entlastet, die - wie Mindestpensionisten zum Beispiel - am stärksten betroffen sind. Familien profitieren von der zusätzlichen Einmalzahlung der Familienbeihilfe für jedes Kind in Höhe von 180 Euro im August, vom vorgezogenen höheren Familienbonus Plus und der Kindermehrbetrag. Die 500 Euro Klima- und Anti-Teuerungsbonus sollten auch schon bei den allermeisten angekommen sein. Für uns als Bundesregierung war immer klar: Wir lassen die Menschen nicht im Stich. Das ist die Verantwortung, die wir wahrgenommen haben, und wir werden weiterhin tun, was notwendig ist.

Sie nehmen also sehr viel Geld für Antiteuerungs-Maßnahmen in die Hand. Gleichzeitig meinten Sie aber in Interviews, dass der Staat die Inflation nicht zu 100 Prozent ausgleichen kann. Wie passt das zusammen?

Wir können es uns vor allem nicht leisten, nicht zu helfen.  Wir müssen das das Notwendige zur Verfügung stellen. Dazu braucht es Fingerspitzengefühl zwischen notwendiger Unterstützung und sparsamen Umgang mit Steuergeld und der Treffsicherheit. Aber ja, Corona und die aktuelle Wirtschaftskrise haben die Relationen verschoben. Pakete, die laut manchen „nur ein paar Millionen“ ausmachen, werden medial als Kleinigkeit kritisiert. Wir alle müssen endlich unser Steuergeld wieder mehr schätzen, und vor allem müssen wir mittel- bis langfristig den Schuldenberg wieder abtragen. Nicht aus Selbstzweck, sondern um für spätere Krisen vorzusorgen. 

Sie haben gerade Ihre erste Budgetrede im Nationalrat gehalten. Wie schwierig war diese Budgeterstellung?

Es gab natürlich intensive, aber stets sachliche Verhandlungen zwischen dem Finanzministerium und den Ressorts. Wir reagieren mit diesem Budget auf die aktuellen Herausforderungen, und hier können wir nicht alle Wünsche erfüllen, sondern müssen Schwerpunkte setzen. Wir haben auch 2023 8,4 Milliarden Euro - also viel Geld - unmittelbar für den Kampf gegen die Teuerung budgetiert. Mitten in der größten Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg haben wir die ökosoziale Steuerreform umgesetzt und reduzieren auch 2023 die Tarifstufen der Lohn- und Einkommensteuer sowie die Steuern für Unternehmen. In Summe beträgt die Entlastung der Österreicherinnen und Österreicher und der heimischen Wirtschaft alleine durch die ökosoziale Steuerreform bis 2025 rund 18 Milliarden Euro. Mit   1. Jänner 2023 schaffen wir zudem die kalte Progression ab, das ist schon historisch und künftig jedes Jahr eine automatische Steuerreform. Eine weitere strukturelle Änderung ist die die Valorisierung zusätzlicher Sozialleistungen.

Abschließend gefragt – wie soll man in einigen Jahren auf diese Zeit zurückblicken?

Mein Anspruch ist, dass Österreich nicht nur gut durch diese schwierigen Zeiten, sondern gestärkt aus der Krise kommt.

Danke für das Gespräch.

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